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Pflegewissenschaft und Hochschulmedizin - Chancen für Klinik, Forschung und Lehre
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Pflegewissenschaft und Hochschulmedizin - Chancen für Klinik, Forschung und Lehre

Konzepte für eine moderne Pflege

Symposium zur Pflegewissenschaft als Chance für Klinik, Forschung und Lehre war ein voller Erfolg


Um die gestiegenen Anforderungen in der Pflege bewältigen zu können, sind neue Konzepte notwendig. Grund genug für die Medizinische Fakultät der Universität zu Köln und die Uniklinik Köln, das Symposium „Pflegewissenschaft und Hochschulmedizin“ mit einem hochkarätigen Programm zu organisieren. Ausgewiesene Experten aus dem In- und Ausland stellten am 3. Juli vor knapp 300 Teilnehmern vielversprechende Ansätze sowohl für die klinische Gesundheitsversorgung als auch für Forschung und Lehre vor.


Der große Hörsaal war fast bis auf den letzten Platz gefüllt, als die Veranstaltung mit der Begrüßung durch Dekan Prof. Dr. Dr. Thomas Krieg begann. Anschließend verwies der Vorstandsvorsitzende der Uniklinik Köln Prof. Dr. Edgar Schömig auf die Herausforderungen, denen sich die Pflege durch den rasanten medizinischen Fortschritt, die dadurch zunehmend komplexeren Behandlungsverfahren und die sich verändernden Patientenbedürfnisse gegenübersieht. Er sprach sich in seiner Eröffnungsrede für eine Pflege aus, in der Empathie und menschliche Zuwendung ausreichend berücksichtigt sind. Vera Lux, Pflegedirektorin und Vorstandsmitglied der Uniklinik Köln, gab das Ziel der Veranstaltung vor: Impulse für die Konzeption von zukunftsfähigen Versorgungs-, Ausbildungs- und Forschungsstrukturen zu sammeln. Anschließend regte der Prorektor der Universität zu Köln Prof. Dr. Stefan Herzig an, neue Studienangebote zu schaffen, indem medizinnahe Gebiete kombiniert werden.

„Ohne Pflegende mit einer akademischen Qualifikation sind die Anforderungen nicht länger zu bewältigen“, sagte Marlis Bredehorst, Staatssekretärin im Ministerium für Gesundheit des Landes Nordrhein-Westfalen. Pflegewissenschaft sei nötig, um das pflegerische Handeln auf eine evidenz-basierte Grundlage zu stellen. Zudem könne man mit der Möglichkeit, Pflegewissenschaft studieren zu können, auch Abiturienten für eine Tätigkeit in der Pflege gewinnen, die einen Studienabschluss anstreben. Durch die Akademisierung erhielten Pflegende mehr Selbstbewusstsein im Berufsalltag und im Umgang mit dem ärztlichen Personal. Es sei wichtig, in Bildung zu investieren. Nicht nur der fachliche Gewinn sei hoch, auch ermögliche eine gute Pflege eine Kostenreduzierung in der Gesundheitsversorgung.

Prof. Dr. Afaf Meleis von der Universität von Pennsylvania in den USA traf mit ihrem Vortrag den Nerv der Teilnehmer. Sie unterstrich leidenschaftlich, wie wichtig die Pflegenden in der Gesundheitsversorgung sind. Das Ziel der Pflegewissenschaft sei eine bessere Pflegequalität für die Patienten, ihre Angehörigen und die Allgemeinheit. Sie stellte die Herausforderungen, Rückschläge und Errungenschaften beim Aufbau der Pflegewissenschaft in den USA während der letzten Jahrzehnte dar. So habe man anfangs beispielsweise den Fehler gemacht, die Forschung und die Lehre von der Praxis zu entkoppeln. Dabei sei die Praxis das Hauptgeschäft. Nun kämen die Dozenten selbst aus der klinischen Versorgung und es gebe einen permanenten Austausch zwischen Lehre und Arbeitsalltag. In Pennsylvania haben aktuell 60 Prozent aller Pflegekräfte einen akademischen Abschluss, in den gesamten USA sollen es bis zum Jahr 2020 80 Prozent sein. Pflegekräfte und ärztliches Personal arbeiten dort gleichberechtigt an dem Ziel, eine bestmögliche Patientenversorgung zu erzielen.

Die Situation in Deutschland sieht anders aus. Prof. Dr. Doris Schaeffer von der Universität Bielefeld erklärte, dass von einer Million Pflegekräften lediglich ein Prozent einen Studienabschluss besitzen. Das Ziel sei ein akademischer Durchdringungsgrad von zehn Prozent in den nächsten zehn Jahren. Allerdings stünden der großen Anzahl an Pflegenden nur 150 Professoren gegenüber. „Wir brauchen mehr Studienplätze“, lautete daher das Fazit von Schaeffer. Zudem fehlten noch Konzepte für den späteren Einsatz der akademisierten Pflegekräfte und die Studiengangstruktur entspreche nicht immer den internationalen Standards. „Wir müssen uns von den deutschen Sonderwegen verabschieden“, erklärte sie.

In Schweden hat man mit der Pflegewissenschaft ähnliche Erfahrungen wie in den USA gemacht. Gerade die Forschung war anfangs vor allem auf die Pflegeausbildung und die Rolle und die Haltung der Pflegekräfte ausgerichtet, aber nicht auf den Patienten und dessen Bedürfnisse, erläuterte Prof. Dr. Ingalill Rahm-Hallberg von der Universität Lund, Schweden. Um einen größeren Praxisbezug in die Forschung zu integrieren, habe man mehrere Ansätze verfolgt, etwa in der interdisziplinären Zusammenarbeit, aber auch in Bezug auf das Studiendesign, das nun bestimmte Anforderungen erfüllen muss, um einen Nutzen für die Praxis zu gewährleisten. Spannend waren die Ergebnisse einer Umfrage unter älteren Menschen, die Rahm-Hallberg vorstellte: Heutzutage haben die Älteren mehr Krankheiten und sie bekommen mehr Medikamente, aber sie fühlen sich gesünder und sind beweglicher und länger arbeitsfähig als früher.

Im Anschluss präsentierte Dr. Patrick Jahn von der Uniklinik Halle ein konkretes Beispiel aus der klinischen Pflegeforschung. Die Studie zum verbesserten Schmerzmanagement bei Tumorpatienten belege, dass pflegerische Beratung und Intervention zusätzlich zur Standardschmerzbehandlung das Selbstmanagement der Patienten positiv beeinflussen. Die so erworbene Patientenkompetenz mache sich in einer offeneren Einstellung gegenüber der medikamentösen Behandlung und mit einer Verringerung der Schmerzintensität bemerkbar. Sie helfe so auch, Versorgungsbrüche zu vermeiden.

Evidenz-basierte Schlüsselkonzepte für die Pflegepraxis stellte Dr. Sebastian Probst von der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Winterthur, Schweiz, am Beispiel chronischer Wunden vor. Die betroffenen Patienten litten oft stark unter den Symptomen wie Schmerzen, Blutung, Exsudat oder Juckreiz. Manche empfänden den Wundgeruch als so schlimm, dass sie sich nicht mehr unter Menschen trauten. Dabei lasse sich der Geruch durch effektive Gegenmaßnahmen gut eindämmen, etwa durch Aktivkohle, Metronidazol oder medizinischen Honig. Es gebe das Wissen, aber es werde oft nicht angewandt. Daher sei es wichtig, dass die Pflegenden evidenz-basierte Argumente hätten.

Prof. Dr. Christiane Woopen von der Universität zu Köln und Vorsitzende des Deutschen Ethikrates griff in ihrem Vortrag das Thema Patientenorientierung auf. Eine mögliche Definition dieses Begriffs könne beispielsweise lauten: alles zum Wohl des Patienten. Aber selbst das lasse sich noch unterschiedlich bewerten: „Was ein Professioneller als richtig empfindet, muss nicht unbedingt das sein, was der Patient selbst möchte“, erklärte Woopen. Ein wichtiger Punkt in der Patientenorientierung sei es daher, die Kompetenz des Patienten zu stärken – eine berufsgruppenübergreifende Aufgabe – und ihn an der Entscheidungsfindung teilhaben zu lassen. Eine höhere Patientenkompetenz wirke sich nicht nur auf die Krankheitsbehandlung aus, sondern auch auf die Prävention und die Gesundheitsförderung.

Die Interprofessionalität in der Gesundheitsversorgung beleuchtete abschließend Prof. Dr. Ursula Walkenhorst von der Hochschule für Gesundheit in Bochum. Sie sei überall da nötig, wo die Kompetenzen eines Berufs allein nicht ausreichten, um ein komplexes Problem zu lösen. Ziele der Interprofessionalität seien es zum Beispiel, Versorgungsdefizite abzubauen, die Versorgungsqualität und die Kosteneffektivität zu verbessern und eine höhere Arbeitszufriedenheit zu erreichen. Doch in der Praxis gebe es einige Hindernisse. So liefen die Ausbildungen noch parallel und ohne Berührungspunkte ab. Dabei müssten schon Lernsituationen so gestaltet sein, dass der Aufbau einer interprofessionellen Kompetenz gelingen könne. „Hier beginnen wir erst mit neuen Konzepten“, so Walkenhorst. Möglichkeiten hierzu böten beispielsweise gemeinsame Orientierungsphasen, gemeinsame Projekttage zu ausgewählten Themen oder indem gemeinsam Fälle betrachtet und bewertet würden. Auch Verantwortungsbereiche und haftungsrechtliche Fragen stellten Hindernisse dar. Um zu einer echten Interprofessionalität im Arbeitsalltag zu kommen, seien die entsprechende Haltung, Organisationskultur, Inhalte und Strukturen nötig.

Am Ende des Tages zog die Pflegedirektorin der Uniklinik Köln, Vera Lux, ein positives Resümee: „Es wurde sehr deutlich, dass das Potential der Pflege bei weitem noch nicht ausgeschöpft ist. Pflegewissenschaft und Pflegeforschung sind für die Weiterentwicklung der Pflege an der Uniklinik Köln – und generell für die Pflege, von hoher Bedeutung. Wir haben viele Impulse für den Aufbau von Strukturen im Bereich der Krankenversorgung, Forschung und Lehre bekommen – sowohl aus nationaler als auch aus internationaler Sicht.“ Mit dem Aufbau einer akademischen grundständigen Ausbildung und dem Aufbau von Pflegewissenschaft und -forschung an der Medizinischen Fakultät in Köln, könne die professionelle Zusammenarbeit zwischen Medizin, Pflege und anderen Bezugswissenschaften dazu beitragen, neue zukunftsweisende Konzepte für die Krankenversorgung von morgen zu entwickeln. „Heute sind wir unserem Ziel an der Medizinischen Fakultät ein gutes Stück näher gekommen.“

Kerstin Brömer

 

 

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